Wenn sich die Großen klein fühlen

Eßlinger Zeitung

Von Eva Wolfangel

Esslingen – Manche Sätze sagt der Chef oft. „Ich schaffe das alles nicht mehr“ gehört nicht dazu. Ein Chef hat alles zu schaffen, so die landläufige Meinung, sonst wäre er ja kein Chef. Dementsprechend haben Führungskräfte oft wenige Ansprechpartner, denen sie sich anvertrauen können, wenn es nicht so läuft. „Ich schaffe das alles nicht mehr“ – Gerd Kleinmann hört diesen Satz öfters von Chefs. Er bietet Coaching für Führungskräfte in Stuttgart und Esslingen an. An ihn wenden sich die Großen zum Beispiel, wenn sie sich klein fühlen. „Führungskräfte haben Ängste“, so seine Erfahrung. Und sie wenden sich an ihn, weil ihnen jemand empfohlen hat, sich persönlich weiterzuentwickeln. Weil sie sich auf einen Karriereschritt vorbereiten möchten, weil sie Interviewängste haben, weil sie selbstsicherer werden wollen. Auch immer mehr Arbeitgeber schicken ihre Führungskräfte zum Coaching. Oft wissen Kleinmanns Klienten nicht, warum es nicht so läuft. Wieso die Mitarbeiter unmotiviert sind oder warum bei Besprechungen nichts herauskommt. Auch das liegt in der Natur der Sache, meint Kleinmann: „Keiner wagt seinem Chef zu sagen, wo er Fehler macht.“ Objektive Berater sind im Alltag kaum zu finden. Dafür ist ein Coach da. „Ich sage ihnen, wo es hapert“, sagt Kleinmann, „wir analysieren Stärken und Schwächen.“

Managersprache hilft weiter
Zentral für ihn ist dabei zudem, dass er den Alltag der Führungskräfte kennt und ihre Sprache spricht. „Managersprache“ nennt er das, was anderen Beratern oder Psychologen oft fehlt, um die Probleme und Realitäten von Führungskräften wirklich verstehen zu können. Kleinmann kommt dabei seine eigene berufliche Vergangenheit als leitender Angestellter bei mittelständischen Firmen und großen Konzernen zu Gute. Als er sich Anfang der 90er Jahre dazu entschloss, sich als Coach selbständig zu machen, war Kleinmann einer der Pioniere in diesem Bereich in Deutschland. Dass er mit seiner Entscheidung goldrichtig lag, beweist ihm die steigende Nachfrage. Laut Fachmagazinen nehmen inzwischen 80 Prozent aller Führungskräfte in Deutschland einen persönlichen Coach in Anspruch. Manche kommen auf Eigeninitiative, viele kommen auf Empfehlung ihrer Firma. Einige Firmen haben ein Coaching für Führungskräfte bereits in das übliche Fortbildungsprogramm integriert. Und das ist nach Kleinmanns Ansicht der richtige Weg. Denn dass Manager auf ihre Führungsaufgabe vorbereitet werden, hält er für graue Theorie. „Sie sind fachlich gut, aber an ihrem Führungsstil kann man meist arbeiten.“ Unsicherheit führt seiner Erfahrung nach oft zu Missverständnissen und unmotivierten Mitarbeitern. „Chefs greifen zu schnell zu einem rüden Ton, sie zitieren die Mitarbeiter zu sich und sprechen Befehle aus“, erklärt er. Wenn der Chef dann hinter seinem Tisch sitzt, Befehle gibt und dem Mitarbeiter dabei vielleicht nichtmal in die Augen sieht, ist schon vieles schief gelaufen. „Hierarchiebarriere“ ist Kleinmanns Wort für den Schreibtisch, der symbolisch zwischen beiden steht. „Nach so einem Gespräch wundern sie sich, wenn die Mitarbeiter sauer sind.“ Eine Standardsituation, die Kleinmann mit seinen Klienten immer wieder in Rollenspielen durchspielt, sind Kündigungen: „Die Leute schlottern vor Angst, wenn sie Kündigungen aussprechen müssen“, weiß er. Schließlich kennen sie ihre Mitarbeiter meist über Jahre und Jahrzehnte und wissen zudem über deren persönliche Situation bescheid. In Kleinmanns Sitzungen üben seine Klienten, wie sie eine solche Situation meistern. Selbstüberschätzung und mangelnde Reflektionsfähigkeit tragen oft dazu bei, dass sich mancher leitende Angestellte irgendwann in der Sackgasse wieder findet. Und schließlich an Kleinmanns Tisch sitzt und den bekannten Satz sagt: „Ich schaffe das alles nicht mehr.“ Dann sind nach Kleinmanns Analyse häufig einige Dinge aus dem Lot. Denn neben dem beruflichen Umfeld tragen zur Zufriedenheit und Ausgeglichenheit eines Menschen auch das private Umfeld, wie die Familie, und die eigene Persönlichkeit bei. „Lebenskreise“ nennt er diese Bereiche, die jeder für sich ihren Platz beanspruchen. Und wenn der Stress im Beruf den Platz des Privatlebens völlig an den Rand drängt, ist der Mensch unzufrieden. „Die Lebenskreise sollten im Einklang miteinander stehen.“

Rollenspiel mit Videokamera
Unter anderem deshalb sind es oft auch die Ehefrauen, die – neben dem Vorgesetzten – ihrem Mann ein Coaching empfehlen. „Viele Frauen sind die Coaches ihrer Männer“, sagt Kleinmann. Oft würden diese leider nicht ernst genommen. Immer wieder hört er in seinen Sitzungen, bei denen er seinen Klienten seine Wahrnehmung ihres Handelns vermittelt, den Ausspruch „Das hat meine Frau auch schon gesagt.“ Gerade diese Außenwahrnehmung ist wichtig, um den Problemen auf den Grund zu gehen. Deshalb ist eine zentrale Methode Kleinmanns das Rollenspiel, das er oft mit einer Videokamera aufzeichnet. Grundlage für die Arbeit mit seinen Klienten ist eine genaue Analyse der persönlichen und beruflichen Lage, der Stärken und Schwächen sowie deren Ziele. „Dann beginnt das Feintuning“, erklärt Kleinmann. Bei den monatlichen Sitzungen, die meist zwischen drei und fünf Stunden dauern, geht es ans Eingemachte. Die persönliche Wirkung wird thematisiert, der Führungsstil, die innere Einstellung und nicht zuletzt die Körpersprache. Hinein spielen neben aktuellen Konflikten auch Schlüsselerlebnisse der Kindheit, die den Menschen oft unbewusst lebenslang prägen. „Dann kann man beispielsweise erklären, warum jemand bei bestimmten Stichwörtern scheinbar unerklärlich aufbraust“, erklärt Kleinmann. „Das sind Verhaltensmuster, die man selbst nicht registriert.“ Auf den monatlichen Rhythmus legt der Coach besonderen Wert, denn in der Zeit dazwischen sollen die Klienten an sich arbeiten und die Erfahrungen umsetzen. Das Ziel ist zudem, das zu stärken, was unter dem Stichwort „emotionale Intelligenz“ Eingang in die Fachliteratur gefunden hat (siehe Infokasten). Als Etappensieg zählt für Kleinmann ein weiterer Satz, den er oft von seinen Klienten hört, wenn sie nach harter Arbeit an sich selbst erste Veränderungen bemerken: „Es funktioniert.“ Das ist für den Coach ein großes Lob – und ein Zeichen, dass sich etwas bewegt: „Die Kugel kommt ins Rollen.“ Am Ende des Coaching-Prozesses, so der Idealfall, soll sie von alleine weiter rollen.

Eßlinger Zeitung, Artikel vom 24.01.2006

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