Vom Boss zum Coach

Motivation Magazin

In einer lebendigen und erfolgreichen Unternehmenskultur muß jeder der Coach des anderen sein. Nur wer sich selbst motivieren kann, ist in der Lage, andere zu motivieren. Doch dazu sind Führungskräfte nötig, die sich nicht mehr als Boß der alten Schule sehen und autoritär verhalten. Leadership ist gefragt: der Chef als Coach. Diesen Quantensprung in der Menschenführung schaffen die meisten Manager nicht alleine.

Motivation sprach mit Gerd Kleinmann, der zu der neuen Generation von Beratern zählt, die Manager beim Rollenwechsel unterstützen.

Motivation: Wo haben Ihrer Meinung nach Manager die größten Defizite?

Kleinmann: Eindeutig auf der Seite der sozialen Kompetenz.

Motivation: Wieso ist ihnen diese Fähigkeit abhanden gekommen?

Kleinmann: Wir hatten in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 eine Epoche des Wachstums, die nahezu ungebrochen war. In dieser Zeit hat sich eine Mentalität herausgebildet, deren Maxime lautete: Geld verdienen, Karriere machen. Da war viel Egozentrik und Machtstreben dabei – und beides stieß auf relativ wenig Widerstand. Jetzt haben wir eine Situation, in der wir wieder mehr auf den Menschen eingehen, ihn und auch seine Gefühle mehr in den Mittelpunkt stellen müssen. Wer aber Emotionen zeigen soll – was auch die Fähigkeit zur Annahme von Emotionen einschließt – muß erst Ängste überwinden. Gefühle werden von vielen Managern heute noch falsch interpretiert: Wenn ich “weich” bin, dann kann ich nicht mehr führen oder meine Ziele erscheinen verschwommen. Das ist Unsinn.

Motivation: Was motiviert heute den Mitarbeiter?

Kleinmann: Die Mitarbeiter sind inzwischen anspruchsvoller, aufgeklärter geworden. Die Menschen haben es angesichts des bestehenden Wohlstandes nicht mehr nötig, sich von oben herab behandeln zu lassen. Und sie wollen sich selbst verwirklichen. Sie möchten Spaß an der Arbeit haben. Es gibt sogar immer mehr, die sagen: Ich verzichte auf mehr Geld, wenn ich mich wohl fühle, wenn ich in einer Firma arbeite, die ein gutes Betriebsklima hat, wo Teamgeist herrscht, wo ich etwas für die Menschheit oder die Umwelt tun kann.

Motivation: Also völlig neue Voraussetzungen für Führungskräfte?

Kleinmann: Peter Russel hat einmal gesagt: Wir müssen alle “Gurus” füreinander werden. Führungskräfte müssen heute Vorbild sein, ein Klima des Vertrauens schaffen, den Mitarbeiter besser informieren, ihnen mehr Verantwortung übergeben. Sie also wie ein Trainer im Sport rundum betreuen – sie coachen. Allerdings: Wenn dies Manager verkünden, die nicht selbst mit gutem Beispiel vorangehen, dann ist das alles “für die Katz”. Die Philosophie, also das, was man sagt, muß übereinstimmen mit dem, was man selbst tut – sonst wird das Ganze unglaubwürdig.

Motivation: Wie wird der Chef zum Coach und wer hilft ihm dabei?

Kleinmann: Zum Coach wird ein Manager ganz bestimmt nicht, wenn er ein Buch liest, sondern nur, indem er selbstkritisch an sich arbeitet. Der Wille, sich zu ändern, muß am Anfang stehen. Wer sich in dieser turbulenten Zeit – die noch etwa zehn Jahre dauern wird – nicht verändern, nichts dazulernen will, der hat sowieso keine große Zukunft. Diesen Wandlungsprozeß kann er ohne Sparringspartner allerdings kaum schaffen. Er braucht jemanden, der ihm hilft, der ihn begleitet. Ein Coach muß neutraler Ratgeber sein und große Erfahrung haben – sowohl was die fachliche – vor allem was die menschliche Seite betrifft. Doch da gibt es eine psychologische Barriere – vor allem bei Männern und die Befürchtung: “Wenn ich einen Coach habe, dann sieht das so aus, als ob ich Nachhilfe brauche oder ein Versager bin”. Das halte ich für ein schlimmes Mißverständnis. Denn alle bedeutenden Männer und Frauen der Welt-geschichte hatten Berater.

Motivation: Welche konkreten Schritte sind notwendig?

Kleinmann: Ich denke, es kommt wesentlich darauf an, ehrlicher mit sich selbst zu werden, eigene Stärken und Schwächen transparent zu machen. Und die drei “Lebenskreise” in Übereinstimung zu bringen: Das berufliche Umfeld, die eigene Persönlichkeit, die Familie – bei Managern oft ein trübes Kapitel. Dazu ein Beispiel. Ein Manager, der in seinem beruflichen Umfeld autoritär ist, regelt zu Hause Konflikte oft nach vergleichbarem Muster. Schließlich ist er der, der die Verantwortung trägt, das Geld verdient. Doch Frauen und Kinder wollen nicht den Manager vor sich sehen, sondern den Vater, den Ehemann. D.h. zwischen Beruf, Persönlichkeit und Familie herrschen bei vielen Managern Spannungen, die es zu lösen gilt. Ganzheitliches Coaching umfaßt daher auch alle drei genannten Bereiche.

Motivation: Wie wird der “neue” Manager aussehen?

Kleinmann: Der Manager der Zukunft ist eine in sich ruhende Persönlichkeit, die Konflikte menschlich bewältigt. Dies darf nicht als Friede um jeden Preis mißverstanden werden! Doch Harmonie und Menschlichkeit sind bei der Durchsetzung von klaren, anspruchsvollen, ja harten Zielen wichtiger denn je. Der Manager der Zukunft muß seine Mitarbeiter so motivieren, daß sie morgens fröhlich hereinkommen und fröhlich abends aus der Firma gehen und sich freuen, daß sie am anderen Tag wieder hereinkommen können. Wir können die wirtschaftlichen Ziele dann am besten erreichen, wenn wir die Menschen davon überzeugen, daß letztendlich Menschlichkeit und Selbstverwirklichung die wichtigsten Ziele im Leben sind. Geld um des Geldes willen zu verdienen, hat keine langfristige Motivationskraft.

Motivation: Haben Frauen die bessere Ausgangssituation?

Kleinmann: Für den Coach der Zukunft möglicherweise ja, weil Frauen meist eine größere natürliche soziale Kompetenz haben. Wir haben momentan noch eine stark ausgeprägte “Männerwelt”, eine Ellbogengesellschaft, die sich überwiegend an den Zielen Karriere und Geld orientiert. Auf der anderen Seite haben leider auch zu viele Frauen etwas, das ich als “Weibchen”-Mentalität bezeichnen möchte. Und beides ist falsch. In uns allen ist etwas Weibliches und Männliches. Ziel muß es sein, daß Frauen, die Karriere machen wollen, nicht zu männlich werden und umgekehrt, daß Männer, die jetzt mehr ihre Gefühle entwickeln, nicht weibisch werden.

Motivation: Wo liegen die Schwierigkeiten der Mitarbeiter, wenn ihr Chef vom Boß zum Coach wird?

Kleinmann: Sie sind verwirrt. Sie denken, das ist eine Finte. Das ist eine schwierige Phase, denn jetzt kommt es auf Beharrlichkeit und auf Geduld an. Vielleicht auch auf gute Nerven. Und auf einen Coach, der immer wieder berät und sagt: Paß auf, das ist ganz normal. Du mußt weitermachen. Du mußt Vertrauen säen. Du mußt Ehrlichkeit zeigen. Du mußt den Leuten Informationen geben, mit ihnen reden – sprich “Management by wandering around” machen. Es ist die berühmte Hand am Pulsschlag der Firma, die gefragt ist; die Fähigkeit, eine Vision rüberzubringen, die Mitarbeiter zu begeistern, sie zur Teamarbeit zu motivieren. Es ist wichtig, klar zu machen: Ihr seid das bedeutendste Kapital des Unternehmens, und ich möchte euch noch viel mehr Verantwortung geben.

Motivation: Was tun, wenn jemand diese Verantwortung nicht übernehmen will?

Kleinmann: Dann muß man ihm eine andere Aufgabe geben oder sich von ihm trennen. Aber die meisten, das ist nämlich das Interessante, wollen letztendlich Verantwortung übernehmen – vorausgesetzt, das Betriebsklima “stimmt”.

Motivation: Wie schlägt sich eine solche Politik auf die Innovationskraft eines Unternehmens nieder?

Kleinmann: Als vor einigen Jahren in der Automobilindustrie herauskam, daß Toyota 40 000 Verbesserungsvorschläge pro Jahr hatte und ein großer deutscher Automobilkonzern gerade ein Zehntel davon, verursachte dies großes Erstaunen. Die Lösung: ein anderes Führungskonzept – Vertrauenskultur statt Mißtrauenskultur, Konfliktmanagement statt Abteilungsegoismen.

Motivation: Zum Schluß die Frage: Welche Kriterien muß ein Boß anwenden, um für sich den richtigen Coach zu finden, der ihm bei der Verwandlung zum Coach hilft?

Kleinmann: Jeder sollte sehr genau prüfen: 1. Wer ist mein zukünftiger Coach, was für einen Background hat er? 2. Hat er Management- und Führungserfahrung? 3. Hat er sich auf dem Gebiet der Psychologie und Persönlichkeitsbildung weiterentwickelt, hat er selbst ein Führungstrainig, einen Coach gehabt? Sowohl die fachliche als auch die menschliche Erfahrung und die Persönlichkeit müssen zusammenkommen. Hilfreich sind auch Bücher wie “Who is Who der Unternehmensberatung”. Dann gibt es als Einstieg den BDU und Adreßbücher und – ganz wesentlich – die Mund-zu-Mund-Empfehlung - auch als Vorsichtsmaßnahme gegen-über Sekten.

Motivation: Herr Kleinmann, wir bedanken uns für das Gespräch.

Die Fragen stellte Karin Walz. Mit freundlicher Genehmigung des Magazins Motivation, HUSS VERLAG 80912 München

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